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Bewertungserklärung

7 tablaturen für Gathering, The


Gathering, The - Mandylion (10/10) - Niederlande - 1995

Genre: Gothic Metal
Label: Century Media
Spielzeit: 52:42
Band homepage: Gathering, The

Tracklist:

  1. Strange Machines >mp3
  2. Eléanor
  3. In Motion #1
  4. Leaves
  5. Fear The Sea
  6. Mandylion
  7. Sand And Mercury
  8. In Motion #2
Gathering, The - Mandylion

Ja ja, manchmal kann ich sie schon verstehen, die alten Fans von THE GATHERING, die die Gothic Metal Phase der Niederländer lieb(t)en und sich angewidert von ihren neueren Entwicklungen abwendeten. Nicht weil ich die neueren Sachen nicht lieben würde, ganz im Gegenteil, aber eine gewisse Genialität auch im Bereich des limitierteren Gothic Metal Genres kann man dem damaligen Sextett kaum absprechen. Ich denke zur Geschichte von THE GATHERING muss ich nicht mehr viel sagen, da hat ohnehin jeder so seine eigene Sicht.

 

Fakt ist, dass „Mandylion“ das erste Album mit Anneke van Giersbergen an den Vocals war und kommerziell das bis dato erfolgreichste Werk der Holländer ist. Die Hitsingle „Strange Machines“ schaffte es bis in die obersten Regionen diverser europäischer Charts und mit „Mandylion“ verliehen THE GATHERING dem Gothic Metal Genre eine ganz neue Note. Die Mischung aus einem wunderschönen und höchst eigenständigen Gesang, einer perfekt dargebotenen Instrumentierung, der unwiderstehlichen Atmosphäre und Stimmung und dem Händchen für einprägsame, aber lang anhaltende Melodien mit Suchtfaktor, machten aus THE GATHERING Mitte der 90er zu einem Mega Act der damals noch aufgrund der Nachwehen der Grunge Szene etwas lahm gelegten Metalszene.

 

Es ist ja immer schwierig, wo man bei einem Album anfangen soll, aber im Grunde genommen kann man bei „Mandylion“ ansetzen wo man will, verkehrt kann man dabei gar nix machen. Zunächst aber mal „ganz kurz“ etwas zu dem Albumtitel (wen es nicht interessieren sollte, einfach zum nächsten Abschnitt überspringen): „Mandylion“, so nannte man auch das „Bild von Edessa“, welches 1204 in Konstantinopel verloren ging und das man für identisch mit dem uns heute bekannten, weltberühmten „Turiner Grabtuch“ hält. Es gibt sehr viele Geschichten und Mythen um dieses Tuch und es ist auch keinesfalls belegt, ob das „Mandylion“ und das „Turiner Grabtuch“ tatsächlich ein- und dasselbe sind, historisch belegt ist nur, dass man das „Mandylion“ zusammengefaltet in der Stadtmauer von Edessa (heute: die Stadt Urfa in der Osttürkei) im Jahre 525 fand und es das Gesicht eines Mannes trug. Aufgrund der Besatzung der byzantinischen Armee kam das „Mandylion“ 944 nach Konstantinopel, welches Anfang des 13. Jahrhunderts von Kreuzfahrern ausgeraubt und geplündert wurde und sich fortan die Spur des „Mandylion“ verlieren sollte. Mehrere Theologen, Grabtuchforscher und Wissenschaftler haben sich dem „Mandylion“ angenommen und auch versucht, zu rekonstruieren, wie das „Mandylion“ von Konstantinopel zu dem heutigen „Turiner Grabtuch“ werden konnte, welches ja im 14. Jahrhundert erstmals historisch dokumentiert wird. Wer mehr dazu erfahren möchte, dem seien die Bücher des Briten Ian Wilson nahegelegt, der sich sehr akribisch mit dem Thema „Mandylion – Turiner Grabtuch“ auseinandergesetzt hat.

 

Nun aber zur Musik. Vergleicht man ein Werk wie „Mandylion“ mit heutigen Genrealben, dann wird klar, warum diese Band damals einen so hohen Stellenwert in der Welt des Metals genoss. Das dritte Album von THE GATHERING bietet von allem etwas, jeder Song ist komplett anders als der andere und vereinzelt konnte man der Band schon damals eine gewisse Experimentierfreudigkeit attestieren. Also kurzum, das Album repräsentiert so ziemlich das Gegenteil von dem was man heute im Großteil der Werke in diesem Genre auffinden kann. Songs wie „Strange Machines“ oder „In Motion #1“ mögen einen erstmal mit ihren fast schon bombastischen Refrains packen, aber wie so oft sind es die feinen Details, die auch solche Songs zu Dauerbrennern werden lassen. „Eléanor“ und „Fear The Sea“ sind sehr vielschichtige Songs, die auch nach zig Durchläufen nichts von ihrer ursprünglichen Magie verlieren, im Gegenteil. „Leaves“ ist ebenfalls sehr interessant aufgebaut, erscheinen einem die Vocals doch erstmals sehr ungewohnt disharmonisch, nur damit dann nach den ersten beiden Gesangsstrophen die Musik in ein so wunderschönes, kleines, aber ungemein effektvolles Gitarrensolo umschlägt. Ganz große Klasse! Der Titelsong ist dann ein höchst interessantes, stimmungsvolles Instrumental. Ich weiß nicht, ob jemand den Europapark im südbadischen Rust kennt und da schon mal mit der Attraktion „Piraten in Batavia“ gefahren ist, aber genau da fände ich, würde „Mandylion“, also der Song, perfekt hinpassen. Bei dieser Fahrattraktion fährt man mit einem kleinen Boot im Wasser durch ein dschungelartiges Terrain, wo einem Piraten begegnen und einmal sogar nassspritzen. Mit „Sand & Mercury“ folgt gleich darauf dann ein Song, der wie ich zuvor schon sagte, sehr auf die Experimentierfreudigkeit der Band schließen lässt. Zwar nicht in dem Maße wie es heute der Fall ist, aber zumindest zeigt man in diesem 10minütigen Drama so einiges auf, von dem andere nur träumen können. Vor allem das Ende, sobald Anneke einsteigt (und das dauert erstmal ein Weilchen) ist super dramatisch. Schlussendlich erklingt dann sogar noch ein Zitat von Fantasyguru J.R.R. Tolkien. Mit dem zweiten Part von „In Motion“ wird dieses Wunderwerk dann beendet, der Song ist nochmals ganz anders arrangiert, integriert dann aber nochmals den Gänsehautrefrain des ersten Parts.

 

Ja, ich muss es zugeben und ich gebe es gerne zu, „Mandylion“ war und ist auf seine Weise unübertrefflich. Auch „Nighttime Birds“, der stilistisch ähnlich gelagerte Nachfolger, konnte an dem Götterstatus von „Mandylion“ nicht wirklich rütteln. Klar kann ich es verstehen, wie enttäuscht viele Banger waren, als man mit „How To Measure A Planet?“ 1998 einen gänzlich anderen Weg einschlug, andererseits, wohin hätte es mit dieser Band geführt, wenn sie in dieser Schiene weitergefahren wären? Ich denke, TG ist eine Band, die sich ihren Gefühlen und Stimmungen hingeben muss, alles andere wäre unehrlich. Wären sie damals weiterhin den vermeintlich sicheren Weg gegangen (wie gesagt, „Mandylion“ ist meinen Informationen nach, das bis dato erfolgreichste TG Album), ich bin mir sicher, diese Band würde heute in dieser Form gar nicht mehr existieren.

 

So sollten die oben aufgeführten Fans die Band einfach in guter Erinnerung behalten, sich freuen, dass es sie überhaupt gegeben hat und vielleicht nimmt sich der eine oder andere doch mal etwas die Zeit und hört sich die neueren Sachen von ihnen an und findet etwas, dass ihm auch gefällt. Ansonsten, schiebt „Mandylion“ ein und tretet ein in eine Traumwelt, aus der man zugegeben nur ungern entrissen wird. (Online 24. April 2004)

Rainer Köninger



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