|
Es gibt Bands, die steigern sich vom Debüt zum zweiten Album ungemein und dann gibt es Bands, die schon mit dem Erstling einen Kracher hinlegen, der sich gewaschen hat und dann mit dem zweiten Album mindestens ein ebenso gewaltiges Album nachlegen. Die Rede ist hier von INFINITE HORIZON aus dem Siegerland und „Mind Passages“, dem Nachfolger des 2001 erschienenen bereits sauguten „Beyond Infinity“.
Das Sextett ist sich prinzipiell sehr treu geblieben und bietet uns immer noch eine Mischung aus Melodic und Power Metal, durch die gewonnene Erfahrung des stabilen Line-Ups noch tighter und ausgefeilter geworden, das Songwriting hat auch noch einmal einen Schritt nach vorne gemacht, man hat gut daran getan, nicht einfach krampfhaft drauflos zu schreiben und so schnell es geht einen Nachfolger rauszuhauen, sondern ist mit Bedacht zu Werke gegangen und das macht sich hier allemal bezahlt.
Die Produktion wurde abermals von Boris Marcukaitis übernommen und hat es absolut in sich, druckvoll, klar, aber nicht zu poliert, den Songs ganz einfach den Raum lassend, den sie sowohl benötigen als auch verdienen. Das Album selbst ist zweigeteilt in einen ersten Teil, bestehend aus 5 Songs, der sich mit „realen“ Themen wie Krieg oder Religion auseinandersetzt und dann dem fünfteiligen Konzeptepos „Space Dream Navigation“, bevor wir mit „The Reaper“ noch einen Bonus-Track bekommen, der von der ausverkauften Debüt-EP stammt.
„The Way To Eternity“ bietet uns gleich einen Einblick ins Können der Truppe, eher im Melodic Metal angesiedelt, mit sehr gut eingesetztem Klavier, bekommen wir einen Song, der eine gewisse Dramatik nicht verbergen kann, mit sehr reifem Songaufbau und hervorragenden mittelhohen und ausdrucksstarken Vocals von Fronter Marc Lemler, nur um noch eins draufzusetzen mit „Return To Babylon“. Dieser Song ist mit einer gewissen Progressive-Schlagseite ausgestattet, mit gutem Zug und abermals starken Vocals und Gitarrenleads, ein Duo, das jeden Fan dieser Richtung in Verzückung versetzen sollte! Bei „Elysium“ sticht Lemler wieder heraus, insgesamt schleppend angelegt, aber immer wieder mit leichten Double-Bass-Ausbrüchen ausgestattet, mit erhabenem Refrain und atmosphärischen Keyboards, und beim dynamischen „Hole In The Sky“ kommen mir hier und da sogar SAVATAGE in den Sinn, ein großes Kompliment!
Puh, erst einmal durchschnaufen, bei solcher Klasse muss man beinahe auf jeden Song einzeln eingehen! Aber das war noch nicht alles, bei weitem nicht, denn das beinahe 29-minütige „Space Dream Navigation“ ist ein Knaller, an dem die versammelte internationale Konkurrenz ordentlich zu knabbern hat, denn das Herzstück dieses Albums stellt die meisten Sachen, die in letzter Zeit aus dieser Richtung gekommen sind, mit Leichtigkeit in den Schatten! Dabei geht es um einen Mann, der mit der Welt nicht zurechtkommt und sich einen Chip einpflanzen lässt, um ihr zu entfliehen. Leider funktioniert der Chip nicht wie geplant (oder zu gut) und der Mann begeht schließlich Selbstmord. Plötzlich wacht er auf, war es nur ein Traum oder doch nicht…?
Musikalisch decken INFINITE HORIZON hier ein wahrlich beeindruckendes Spektrum ab, von der akustischen Einfach- und Schönheit eines „Secret Intention“ zum sehr harten Riffing und den drückenden Drums des abwechslungsreichen und intensiven „Face In The Mirror“, mit dem beinahe zehnminütigen „The Experiment“ als Herzstück dieses, nun ja, Herzstücks, mit gesprochenen Samples eingebettet in harte, aber dennoch sehr eingängige und melodiöse Passagen, teils unterstützt von Klavier und mit einem sehr eingängigen Refrain. Alles ist ungemein dynamisch und abwechslungsreich gestaltet, mit wechselnden Stimmungen und Intensitäten, aber nie zerrissen klingend, auch wieder mit sehr guten Vocals, ein Meisterwerk!
Gerade hat mich auch die Nachricht erreicht, dass INFINITE HORIZON bei TTS Music unterschrieben haben, ein sehr guter Zug des Labels, denn diese Band hat ungeheures Potential und „Mind Passages“ ist ein Album geworden, das ihr euch als Fan dieser Richtung unbedingt zulegen müsst, kostet nur 10 Euro plus 3 Euro Porto, also unbedingt zuschlagen! (Online 12. August 2004)
|